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Alexander BuschAlexander Busch, freiberuflicher Journalist und u.a. Korrespondent des Handelsblatts in Brasilien. Ich traf ihn mal wieder und zwar netterweise bei Bier, Bohnen und Bananen-Mousse. In Bahia, Brasilien. Und stellte ihm fünf Fragen:

Alex, meine erste Frage: Wie kriegst Du es hin, als Korrespondent in Salvador im brasilianischen Nordosten mit Deiner Familie zu leben, und damit über tausend Kilometer weg von den wirtschaftlichen und politischen Zentren Brasiliens, den Orten, an denen doch wohl “Deine” Themen spielen?

AB: Indem ich mit meinem Privatjet ständig hin und herfliege. Nein, im Ernst: Ich habe auch in Sao Paulo ein Büro und eine Wohnung, mit meiner Familie aber lebe – und arbeite – ich in Salvador. Ich halte ich es journalistisch für ein Privileg, zwei Arbeitssitze in Brasilien zu haben: Ich denke, dass man über Brasilien interessanter, vielfältiger berichten kann, wenn man Perspektiven aus zwei Standorten hat. Brasilien sieht aus Sao Paulo-Sicht ganz anders aus, als von Salvador aus betrachtet. Aber es ist keineswegs so, dass nur in Sao Paulo die Wirtschaftsthemen spielen. Wegen der Biotreibstoffe und der hohen Rohstoffpreise komme ich in den letzten zwei, drei Jahren viel öfter ins Inland als früher. Denn die Ethanol- oder Sojakonzerne sitzen fast alle in der Provinz. In den letzten Monaten bin ich wegen der neuen Ölfunde zum Beispiel plötzlich regelmäßig in Rio de Janeiro. Außerdem kann ich viele meiner Reportagen gut in Salvador und Umgebung recherchieren, weil die Region als Teil des Nordostens ökonomisch immer wichtiger wird und Salvador mit knapp drei Millionen EInwohnern die drittgrößte Stadt des Landes ist.

Frage 2: Wie offen sind brasilianische Offizielle und Unternehmen – hast Du da als Journalist grundsätzlich garantierte Auskunftsrechte oder hilft Dir eventuell der Status eines deutschen Journalisten bei der Informationsbeschaffung?

AB: Die brasilianischen Gesprächspartner sind ziemlich offen und als Deutscher wird man in Brasilien generell positiv empfangen. Doch “grundsätzlich garantiert” ist nichts. Kontakte muss man aufbauen und das dauert lange. Wenn ich die Chefs der 20 größten Unternehmen im Interview haben will, dann brauche ich ziemlich viel Gelduld und Energie. Nur höfliches, stetes Bohren hilft. Aber mir ist klar: Als deutscher Korrespondent spiele ich die zweite Geige hinter den Kollegen der vergleichbaren Blätter wie Financial Times, Wallstreet Journal oder Economist aus dem angelsächsischen Raum.

3. In Deutschland gabs spätestens mit dem lauten Abschied von Kollege Tilgner vom ZDF eine Diskussion über das Verhältnis “Zentrale-Korrespondent”. Wie ist das bei Dir mit der Autonomie: wieviele Aufträge machst Du auf “Bestellung” und wie viele Themen kannst Du tatsächlich selber setzen?

AB: Normalerweise mache ich rund ein Drittel auf Bestellung und zwei Drittel biete ich an. Das ändert sich natürlich bei Wahlen, Krisen oder international relevanten Ereignissen wie Fußballweltmeisterschaften oder eine sinkende Ölplattform vor der Küste – dann meldet sich die Redaktion und bestellt Themen.

Meine Frage 4: Früher waren die Medien und da vor allem TV Globo ein echtes Problem für Brasiliens Entwicklung. Bei Globo in der Zentrale wurde von Roberto Marinho entscheiden, wer Präsident werden darf und wer nicht, was die Gesellschaft gut finden soll und was nicht; eine unkontrollierte und riesige Macht. Du bist jetzt seit über 10 Jahren in Brasilien, wie erlebst Du die Medien und vor allem Globo denn heute?

AB: Ich habe zum Jahresende 1992 als Korrespondent angefangen. Mein erste Reportage war die Amtsenthebung des damaligen Präsidenten Collor – der ja mit massiver Hilfe von TV Globo ins Amt gehievt wurde. Das ist symptomatisch: Ich habe Globo nicht mehr als diese Übermacht erlebt. Das liegt aber auch an der Stabilisierung Brasiliens, an der weiteren Demokratisierung der Gesellschaft unter Fernando H. Cardoso und – vielleicht der Hauptgrund für die vergleichbare Schwäche Globos: Der Konzern hat sich in den Neunziger Jahren völlig verschuldet, dass der Pleitegeier lange über dem Jardim Botanico in Rio kreiste. Da die Regierung Globo mit Krediten und Hilfen entgegenkam, ist der Konzern ziemlich zahm geworden. Außerdem hat er Konkurrenz bekommen: Vor allem der TV- Record, kontrolliert von den Evanglisten, ist heute politisch mindestens genauso mächtig.

Und zum Schluß Frage 5: Meine brasilianische Schwägerin sagt, man könne den Einfluss von Telenovelas auf die brasilianische Gesellschaft quasi schon am Tag nach der Ausstrahlung sehen. Neue Sprachausdrücke würden benutzt und auch neue Ideen gingen schnell ins Bewusstsein der Gesellschaft über, nach dem Motto: in der Novela agiert ein netter Schwuler und – einige Monate später – ist es verändert, das Schwulenbild der Brasilianer. Erlebst Du Telenovellas auch als so einflussreich?

AB: Deine Schwägerin hat 100 Prozent recht. Ich finde es faszinierend, wie die Novelas den Zeitgeist aufgreifen, manchmal prägen und ihn in neue Richtungen drehen. Es gibt alle paar Monate so eine Schlüsselnovela. Aber ich muss ganz ehrlich sagen:  Ich schaue sie ganz selten, weil ich einfach kein Fernsehmensch bin und keine Geduld habe für die vielen Werbespotts dazwischen

DANKE

P.S. Fünf Fragen an… stellt – überraschenderweise – fünf Fragen, nicht mehr, nicht weniger und zwar in loser Reihe an interessante “Medienarbeiter”. Demnächst mehr und kürzere Fragen

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