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Der Marsch

Die, die Grenzen schließen oder von geschlossenen Grenzen träumen, haben nur eine “Antwort” für wenige Tage oder wenige Wochen. Oder glauben wir wirklich, dass Zäune auf Dauer Menschen aufhalten, die um ihr Leben rennen? Und wollen wir das? Wollen wir “Europas Werte” verteidigen, indem wir sie aufgeben? Ich nicht. Und ich vermute mal, Heinz Rudolf Kunze auch nicht. Diesen Text hier schrieb er 1999!!! So überraschend ist das also nicht, dass in einer globalisierten Welt erst das Kapital, dann die Menschen dahin gehen, wo es “besser” ist. Ich poste Kunzes Text also, wie heisst das in Internet-Sprech: “aus Gründen”. Und weil ich die Bilder aus Ungarrn, aus Idomeni oder den toten Jungen an Europas Küste halt einfach nicht aus dem Kopf krieg. Geschweige denn kriegen will.

Quelle: Heinz Rudolf Kunze:

Winde werden rauher
Wellen schäumen Wut
nur ums nackte Leben
nicht um Hab und Gut
bleiche Ausgesetzte
klammern sich ans Boot
draußen treiben Hände
ab in höchster Not

Bringen wir das fertig
ist die Arche voll
weiß hier keiner was man
tun und lassen soll

Du wirst nie zuhause sein
wenn du keinen Gast
keine Freunde hast
dir fällt nie der Zauber ein
wenn du nicht verstehst
daß du untergehst wie alle Menschenschänder
aller Herren Länder

Draußen vor der Festung
bis zum Horizont
lagern sie und warten
näher rückt die Front
grollende Kanonen
Angst in ihrem Blick
Hunger reckt die Arme
nirgends gehts zurück

Aufmerksam die Wachen
kalt und konsequent
selbst schuld wer den Schädel
gegen Mauern rennt

Du wirst nie zuhause sein
wenn du keinen Gast
keine Freunde hast
dir fällt nie der Zauber ein
wenn du dich verschließt
nur dich selber siehst
Du wirst nie zuhause sein
wenn du keinen Gast
keine Freunde hast

Wir sind nichts Besondres
hatten nur viel Glück
Auserwählte kriegen halt das
größte Kuchenstück
Überall auf Erden
sind auch wir geborn
können wir gewinnen
haben wir verlorn

Keine Zeit für Grenzen
für Unterschied kein Raum
klein wird der Planet nur
ohne blauen Traum

Du wirst nie zuhause sein
wenn du keinen Gast
keine Freunde hast
dir fällt nie der Zauber ein
wenn du dich verschließt
nur dich selber siehst

Du wirst nie zuhause sein
wenn du keinen Gast
keine Freunde hast
dir fällt nie der Zauber ein
wenn du nicht verstehst
daß du untergehst wie alle Menschenschänder
aller Herren Länder

aller Herren Länder
aller Herren Länder

Während der Rückenwind-Tour 2003 wurden die letzten zwei Strophen den aktuellen, politischen Ereignissen angepaßt:

Du wirst nie zuhause sein
wo du als ungebetener Gast
nichts zu suchen hast
du wirst nie willkommen sein
wenn du um dich schießt
nur dich selber siehst

Du wirst nie zuhause sein
wo der Orient
deine Bomben kennt
du wirst kein Befreier sein
wenn du nicht verstehst
daß du dich vergehst wie alle Menschenschänder
aller Herren Länder

aller Herren Länder
aller Herren Länder

 

Sorry

Der kleine Blog hier war jetzt doch recht lange ungepflegt. Die Gründe: zu viel andere Arbeit, zu viele andere Plattformen und ein paar Computerprobleme. Der Rest ist Faulheit. Aber ab jetzt wirds dann wieder :-)

Wiki, Weite, Wahrheit

Na dann gestehe ich es halt. Mir ist es auch (mindestens einmal) passiert: ich hab mich von der Welle verführen lassen und -lang ists her- einen spöttisch-polemischen Beitrag gegen Deutsche-Bank-Chef Ackermann gemacht. Ich fühlte mich auch durchaus im sicheren Besitz der Wahrheit, schließlich stand das, was wir aufs Korn genommen haben (enorm hohe, pervers hoch erscheinende Renditeziele der Bank bei gleichzeitiger Entlassung von Mitarbeitern) bei nahezu allen Kollegen damals in der Kritik. Das Meinungsbild klar, quasi von taz bis Welt, alle sahen es, zumindest wenn ich es richtig erinnere, im Prinzip ähnlich: soooo gehts nicht, Herr Ackermann. Die letzte Renditemark rausquetschen und arme Mitarbeiter dabei über die Klinge springen lassen. Soooo nicht. Und so schwangen auch wir das mediale Fernseh-Fallbeil. Ein halbes Jahr später hab ich erschreckt gelernt, dass diese medialen Kritikwelle  falsch war (Man muss beim “Renditevergleich” zwischen Banken und “normalen” Unternehmen das völlig unterschiedliche Bezugssystem mitdenken und dann relativieren sich die “pervers hohen” Ansprüche H.Ackermanns und schmelzen auf Normalmaß. Und die entlassenen, armen und geknechteten Mitarbeiter in Wahrheit Spitzenverdiener / Investmentbanker, deren kurzfristiges Hire and Fire oft im Gehalt “eingepreist” ist). Bis heute ärgert mich mein Fehler und er kam mir jetzt wieder in den Sinn, als ich den interessanten Post von Antje Schrupp gelesen habe. Sie fing an, an ihrem eigenen Wissen zu zweifeln, weil da eine richtige Welle im Internet dagegen stand.
wiki

Ich halte das für lesenswert, da viele Journalisten (ich auch oft, wenn ich es mir nicht immer wieder klar mache) die Gefahr unterschätzen, dass -wenn was an zahlreichen Stellen im Netz zu finden ist- trotzdem nicht stimmen muss, da sich alle auf die gleiche “Urquelle” z.B. wikipedia beziehen.

Mein Lieblings-Lehrstück dazu: Stalins Badezimmer oder wie ein Kollege wiki fälschte und es fast nicht mehr einfangen konnte…

 

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Die Kreativen aus unserem kleinen, aber IMHO sehr feinen Verein zur Unterstützung der ergänzenden Halbtagsschule Projeto Crescer (Projekt Wachsen und Gedeihen) in Brasilien haben ein paar Produkte gemacht. Wie immer gilt: Erlös landet komplett dort. Wir nur ehrenamtlich….Kinderprodukte Villa Social

Aufgereihte Leichensäcke an einem hübschen italienischen Hafen. Hallen voller Särge, rote Rosen drauf. Dramagegenstücke, schaurig und auch ästhetisch, zum Aufregen ohne Konsequenzen ganz prima. Und prompt springen nun alle auf das Thema “Flüchtlinge” an: Medien, Politiker, Gutmenschen, Rechtsstaats-Grenzverteidiger. Der Wucht der Bilder und der Verlockung (und der Quote) des Schauers kann offenbar niemand widerstehen. Staatstragende Reden, Politiker mit tränenerstickter Stimme. Zynisch mag man sagen: bin gespannt, wie lange das Thema “hält”. Und dann kotzen gehen, ob der Fakten: In den vergangenen 25 Jahren sind fast 20tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Wir haben meist die Augen bequem zugelassen, sie sind halt nicht medienwirksam genug ertrunken.

Und nun?
In meinen Seminaren versuche ich klarzumachen, dass wir Journalisten nie zynisch werden dürfen, nie abstumpfen. Manchmal fällt das aber eben verdammt schwer. Schwer, zu hoffen, dass vielleicht die eine oder andere Krokodilsträne doch zu einer echten wird und schwer zu hoffen, dass “wir” das Thema wirklich so lange beackern, bis sich substanziell was tut.
Oder wie der Tagesschau-Kollege in einem bemerkenswerten Beitrag sagte über irgendeine Tagung morgen, “aber niemand erwartet Entscheidungen, die uns solche Bilder in Zukunft ersparen werden”. Schade, also für uns…

 

 

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